Dienstag, 26. April 2011

Mit der Pferdekutsche in die Zukunft

Die Ära der Zeitung aus Papier scheint am Ende. Der Onlinezeitung ist aber nicht gelungen die Nachfolge anzutreten. Jetzt soll der iPad das Erbe der Tageszeitung antreten, der Tablet-PC den Journalismus ins digitale Zeitalter führen.

Die Zeitung ist tot, heißt es. Verglichen mit Onlineproduktionen wirkt sie in etwa so modern wie die Pferdekutsche im Vergleich zum Automobil.
Umsatzrückgänge auf dem Anzeigenmarkt, kontinuierliche Auflagenverluste und rückgängige Abonnementenzahlen, das gedruckte Wort ist der kranke Mann der Medienlandschaft.
Wenn sich die digitale Gesellschaft jetzt ins Kleine Schwarze zwängt, Sneaker gegen Lackschuhe tauscht und Krawattenknoten googelt, wird die fröhliche Trauergemeinde auf dem Friedhof eine Enttäuschung erleben. Die Zeitung lässt sich ebenso wenig auf bloßen Zuruf hin beerdigen wie Gott.

Die Zeitung lebt und wird leben, weil nichts in der Lage ist sie zu beerben. Zwar hat jede Zeitung eine Onlineausgabe, aber die ist nahezu identisch mit der Printausgabe und komplementär zu ihr konzipiert. Damit die Onlineausgabe sich aus dem Schatten des gedruckten Wortes löst, muss sie ein eigenständiges Produkt mit deutlichen Stärken gegenüber dem Papier werden. Erst wenn der Leser sagt: „Ich lese die Onlinzeitung xy.“ statt „Ich lese die xy Zeitung online.“ kann sie eine echte Konkurrenz werden.
Die Technik hierfür ist längst da. Links im Artikel können aus einer Nachricht ein Thema werden lassen, durch Foren könnten Leser und Redaktion interagieren, Clips, Bildergalerien oder interaktive Grafiken die Artikel multimedial werden lassen. Tatsächlich findet von alledem wenig statt. Den Onlineausgaben ist oft immer noch anzumerken, dass sie ins Internet gestellt wurden, um Präsenz zu zeigen.

Manchem Verleger scheint es, als sei der Tablet-PC die Antwort auf die Frage, wer die Zeitung beerben soll. Er löst das Problem der Lesbarkeit von Onlineartikeln durch eine Handlichkeit, die dem PC und Laptop abging. Er bietet technisch noch mehr Möglichkeiten, eine neue Sinnlichkeit des Lesens. „Das explorative Wühlen in Inhalten mit unseren Fingern und Händen“ auf dem Touchpad, schwärmten Littger & Kircher in der Süddeutschen Zeitung.
Der entscheidende Punkt für Verleger ist aber, weshalb es Aufrufe zum abendlichen Dankgebet an Steve Jobs gibt, dass Apple die anarchische digitale Gesellschaft dazu erzogen hat im Internet für Inhalte wieder zu bezahlen.
Damit aber die Onlinezeitung auf dem Tablet-PC nicht dasselbe Schicksal erleidet wie ihre Vorgängerin, muss es gelingen technisch Machbares und inhaltlich Sinnvolles zusammenzubringen. Die Frage ist nicht, wie bringt man eine interaktive Grafik in einem Artikel unter, sondern wozu.

Selbst wenn Verleger aufhörten an ihren Redaktionen zu sparen, wird der iPad die Zeitung nicht ersetzen. Es gibt nicht genug Leser für den Multimediajournalismus der Zukunft, abgesehen davon, dass es auch noch nicht genug Journalisten dafür gibt.
Es ist müßig sich darüber lustig zu machen, wenn Leute vom morgendlichen Zeitungsleseritual nicht lassen möchten, über Aussagen wie: Ich mag den Geruch von Druckerschwärze und frischen Brötchen am Morgen. Solange die Menschen, die so empfinden in der Mehrheit sind, solange wird die Zeitung der Onlinezeitung voraus sein. Das kann man als rückständig empfinden, fortschrittsfeindlich, man kann auch mit dem Fuß auf den Boden aufstampfen. Es ändert nichts. Wenn jemand am Morgen lieber mit Papier raschelt als sich mit Händen und Fingern durch Inhalte zu wühlen, dann ist das legitim.
Das digitale Zeitalter wird auch nicht schneller kommen, wenn man behauptet, dass der Leser von heute ungeduldiger geworden ist und deshalb ein neuer Journalismus nötig sei, der natürlich nur online zu realisieren ist.
Die „Leser haben keine Lust mehr auf viele Seiten Journalismus auf Papier zu lesen.“ Dafür müsste man sich konzentrieren können „und imstande sein über viele Absätze argumentativ einem Punkt zu folgen, den ein Autor machen möchte. Bevor das gelingt, fallen vielen Menschen vorher die Augen zu.“ Abgesehen davon, dass Littger & Kircher die zeitlose und vom Medium unabhängige Reaktion auf schlecht geschriebene Artikel beschreiben, beweisen 500 Millionen verkaufte Harry Potter Romane, dass der Leser von heute durchaus Willens und in der Lage ist einer Geschichte auf über 4000 zweidimensionalen Druckseiten zu folgen.

Die Zukunft der Zeitung ist die Vergangenheit. Es wird zunehmend sinnloser die Neuigkeiten von gestern morgen wiederzukäuen. Eklatantes Beispiel sind Beschreibungen von Fußballspielen vom Samstag in der Zeitungsausgabe vom Montag. Über das Wochenende verteilt sind die Ausschnitte der Bundesligapartien mindestens ein halbes Dutzend Mal zu sehen gewesen. Da ist eine Nacherzählung auf Papier überflüssig – es sei denn, der Spielverlauf hätte eine Bedeutung über das Ergebnis hinaus.
Die Zukunft der Zeitung liegt nicht im Bericht über Ereignisse, sondern in ihrer Einordnung, Bewertung und Erläuterung. Die Online Zeitung, das Fernsehen oder Radio informieren uns darüber, dass Häftlinge aus einem Gefängnis in Kandahar geflohen sind. Die Printausgabe sollte uns erklären wer geflohen ist, wie die Situation in Kandahar ist und ob die Sicherheitslage in Afghanistan realistisch einen baldigen Abzug deutscher Soldaten zulässt.
Die Gegenwart verlangt nach einem dreigliedrigen Zeitungsmodell. Die klassische Tageszeitung entschleunigt den Leser. Sie gefällt durch Kolumnen, Kommentare und Glossen von literarischer Qualität, berichtet von den Hintergründen eines Geschehens und hilft dem Leser es zu bewerten.
Die Onlinezeitung informiert den Leser aktuell und prägnant über das Tagesgeschehen und die Ausgabe auf dem Tablet-PC brilliert in ausgewählten Artikeln durch Multimedialität.
Egal welchem Medium der Verleger den Vorzug geben wird, er wird den Kampf gegen Leserschwund nicht gewinnen, wenn er an der Redaktion spart. Darin sind sich schließlich alle einig, die Macher konventioneller Zeitung, deren Produkt sich auch als Hut zum Anstreichen verwenden lässt, und die Macher digitaler Zauberwelten: Gute Artikel werden über die Zukunft der Zeitungen entscheiden. Daran hat sich in den letzten zweihundert Jahren nichts geändert.

Kommentare:

  1. Alles völlig richtig (teste mein LJ Profil)

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  2. http://www.blog-cj.de/blog/2011/04/30/ein-buch-das-update-46-prantl-und-die-zukunft-des-journalismus/

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