Montag, 4. April 2011

Deutschland, der Islam und der Koran


Man muss nur einmal den Blickwinkel wechseln. Zum Beispiel die Kreuzzüge. Was für eine Epoche für das Abendland, wie viel Platz sie in der Geschichtsschreibung einnehmen. Das erste Mal, dass Islam und Christentum miteinander die Klingen kreuzten, der erste Clash der Kulturen.
Und für die muslimische Welt? Die Kreuzzüge sind für die islamische Geschichtsschreibung eine Randnotiz, bestenfalls. Chronisten in Bagdad, Corduba oder Tunis würden sie vielleicht gar nicht erwähnen. Was kümmert es die Muslime in Neyshabur, wenn ein Haufen Kreuzfahrer in Palästina einfällt? Der Mongolensturm ist das wesentlich größere Ereignis für die islamische Geschichtsschreibung, wohingegen der in der Geschichte Westeuropas kaum Spuren hinterlassen hat.
Vor diesem Hintergrund müsste man auch einmal überdenken, ob die Begriffe Haus des Friedens (Dar al-Islam, islamische Welt) und Haus des Krieges (Dar al-Harb, Christentum) wirklich einen Kriegszustand zwischen den beiden Kulturkreisen beschreibt – tatsächlich herrschte über Jahrhunderte eine Art Kalter Krieg. Man hatte einander, obwohl nur getrennt durch das Mittelmeer, nichts zu sagen – oder ob es nicht treffender eine Zustandsbeschreibung war? In der muslimischen Welt herrschte relativer Friede, während man sich im christlichen Abendland beständig gegenseitig an die Kehle ging.

Wenn man den Blickwinkel einmal gewechselt hat, stellt man auch alte Vorurteile auf den Prüfstand.
„Das Kopftuch ist ein Ausdruck für die Erniedrigung der Frau und der definitive Beweis dafür, dass der Islam als Gesellschaftsform gescheitert ist.“ sagte der britische Generalkonsul in Ägypten, Lord Alfred Cromer, der gleichzeitig die Sufragetten in Großbritannien bekämpfte.
Tatsächlich ging es Lord Cromer nicht um Emanzipation, sondern darum, die britische Herrschaft über das muslimische Ägypten moralisch zu legitimieren.
Der iranische Philosoph Ali Shariati nannte das Kopftuch ein Symbol für Keuschheit und Frömmigkeit und ermutigte muslimische Frauen „Demut und Niedrigkeit abzulegen“, indem sie das Kopftuch anlegten.
Shariati propagandierte einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, der auf dem Islam basieren sollte. Die Religion sollte den gesellschaftlichen Gegenentwurf zu den ehemaligen Kolonialstaaten liefern.
Was lernen wir aus den beiden gegensätzlichen Aussagen? Nichts. Weder Lord Cromer noch Ali Shariati haben jemals ein Kopftuch getragen.

Das Kopftuch, das Aushängeschild des Islam. Schlägt man im Koran nach, dem anderen Aushängeschild, wird man feststellen, dass es gar kein ausdrückliches Gebot zum Tragen eines Kopftuches gibt.
In Sure 53,33 heißt es zwar: „Ihr Gläubigen! Betretet nicht das Haus des Propheten ohne dass man euch Erlaubnis erteilt.  […] Und wenn ihr die Gattinnen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann tut dies hinter einem Vorhang. Auf diese Weise bleibt euer und ihr Herz rein.“
Dieser Vers wird auch hijab-Vers genannt, doch zum einen wird mit hijab ein Vorhang bezeichnet, zum Anderen bezieht sich der Vers nur auf die Frauen des Propheten.
Andere Bekleidungsvorschriften besagen, dass die Frauen ihr Gewand herunter ziehen sollen. „So ist es am ehesten gewährt, dass die Gläubigen erkannt und darauf nicht belästigt werden.“ Sure 33,59 oder dass die Frauen darauf achten sollen, dass in Gegenwart anderer Männer „ihre Scham bedeckt ist […] und sie sich ihren Schal über die Brust ziehen.“ Sure 24,31.
Hieraus lässt sich ein Kopftuchgebot nicht rekonstruieren, aber man kann natürlich anders übersetzen als Reza Aslan.
Wieder Sure 24,31: „Und sag den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten sollen, dass sie ihren Schmuck nicht zur Schau stellen sollen, mit Ausnahme dessen, was ohnehin davon sichtbar ist. Sie sollen ein Tuch über ihren Ausschnitt schlagen und ihren Schmuck nicht zur Schau stellen.“
Wieder kann man keine Aufforderung herauslesen den Kopf zu bedecken, eher nicht nackend herumzulaufen.
In der Tat. Das Tragen eines Kopftuches lässt sich aus dem Koran nicht ableiten. Die gängige These wie das Kopftuch in den Islam gelangt ist, besagt dass die Frauen des Propheten nach der Gewohnheit persischer Edelfrauen ein Kopftuch zu tragen begannen (hejab), um ihre herausragende Position zu betonen und dass das von nachfolgenden Generationen muslimischer Frauen übernommen wurde, um zu zeigen, dass sie in Frömmigkeit den Frauen des Propheten nacheifern.
Zum Vergleich kann man auf den Bart des Propheten verweisen. Viele fromme muslimische Männer tragen einen Bart (manchmal in der fusseligen Variante, mit deren Anblick man manchmal in deutschen Städten beglückt wird), um zu zeigen, dass sie dem Beispiel des Propheten nacheifern. Als die Taliban 1996 Kabul eroberten, verlangten sie von jedem Mann sich binnen zweier Wochen einen Bart wachsen zu lassen. Andernfalls drohte die Todesstrafe. So wird aus einem freiwilligen Symbol der Zugehörigkeit ein Zwang.

Jetzt könnte man darauf verweisen, dass das Übersetzungsschwierigkeiten sind, die sich beim Studium des Koran im Original nicht ergeben, weshalb es ein Gebot gibt den Koran nicht zu übersetzen. Er darf nur auf arabisch gelehrt werden.
Das löst aber die Schwierigkeit nicht, denn den Koran lesen heißt immer ihn zu übersetzen. Der Koran ist in altem hocharabisch verfasst, das im Gegensatz zu den damaligen arabischen Dialekten stand, im Gegensatz zum heutigen Standardarabisch und den jeweiligen, modernen arabischen Dialekten steht. Mit anderen Worten, die Tinte auf dem ersten Koranexemplar war noch nicht trocken, da wurde er schon übersetzt.
Durch den holländischen Regisseur Theo van Gogh wurde die Sure 4,34 berühmt. Sie besagt: „Männer haben die Aufsicht über die Frauen, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie einen Teil ihres Vermögens ausgeben. […] Und wenn ihr fürchtet, dass die Frauen sich auflehnen, so ermahnt sie, meidet ihr Bett und schlagt sie.“
Frauenfeindlicher geht es nicht mehr, aber es gibt auch eine andere Übersetzung der Sure: „Und wenn ihr Widerspenstigkeit vermutet, sprecht mit ihnen, meidet ihr Bett und schlaft mit ihnen, wenn sie Willens sind.“
Das Wort: Männer haben die „Aufsicht über“ die Frauen, kann auch bedeuten: „beschützen“, „unterstützen“, „sorgen für“, „sich kümmern um“, während der hier verwendete arabische Begriff für „schlagen“ auch bedeuten kann: „abwenden“, „fortfahren“ und „in gegenseitigem Einverständnis Verkehr haben“!
Wenn man das Gebot, den Koran nicht zu übersetzen enger fasst, nicht übersetzen, nicht interpretieren, wörtlich nehmen, dann hat man nicht nur das literaturwissenschaftliche Problem, dass lesen immer ein Akt der Interpretation ist, sondern auch das Problem, dass der Koran keine Bedienungsanleitung ist, sondern ein Werk in Versen, das Gleichnisse, Bilder und Metaphern verwendet und in einer arabischen Sprache verfasst ist, die viele einander zum Teil widersprechende Synonyme kennt.
Beide Übersetzungen der Sure sind syntaktisch und grammatikalisch einwandfrei. Man kann sie tatsächlich lesen als Aufforderung Frauen zu verprügeln oder als Aufforderung einvernehmlich miteinander Sex zu haben.

Als Grund dafür, dass islamische Länder den westlichen hinterher hinken wird oft der Koran genannt. Das Kleben am Wortlaut des Koran lähme die Gesellschaften.
Das Gegenteil ist der Fall. Gerade der Versuch den Koran wörtlich zu nehmen hat zu einer beständigen Interpretation des Textes geführt, die kein Ende finden wird. Wenn die islamischen Gesellschaften eine zeitlang in einen Dornröschenschlaf gefallen sind, dann liegt das sicher nicht am Koran.

Was nutzt all das der Islamdiskussion in Deutschland? Eine Menge, denn was nutzt eine Diskussion, wenn eine der beiden Parteien in alten Vorurteilen verhaftet bleibt? Wie kann eine fruchtbare Diskussion entstehen, wenn eine Seite glaubt, die andere Seite würde am liebsten Zuhause die Ehefrauen schlagen, die Töchter unter einen Ganzkörperschleier zwingen, Ungläubige hinschlachten, Dieben die Hand abhaken und Ehebrecher steinigen, wenn man sie nur ließe?
Man kann natürlich den Standpunkt vertreten, dass es alleine Sache der Muslime sei sich einen Islam zu basteln, mit dem man in Deutschland leben kann ohne anzuecken. Das hat man lange auch gemacht. „Hier ist das BGB und wer sich nicht daran hält, der geht ins Gefängnis.“
Davon ist man aber aus Angst vor Parallel- und Schattengesellschaften abgekommen. Der 11. September hat gezeigt, dass der Weg zu kurz greift. Vier der Attentäter haben jahrelang unauffällig in Hamburg gelebt.
Also hat man sich entschieden einen Dialog zu führen. In diesem Dialog kann es nur darum gehen, welchen Raum die deutsche Gesellschaft dem Islam in Zukunft zubilligen wird. Dafür ist es notwendig, dass sich wenigstens einige in Deutschland wenigstens für einige Zeit mit dem Islam auseinander setzen.
Bislang hat der deutsche Staat recht hilflos reagiert, wenn er Seitens des Islam mit der Forderung nach Religionsfreiheit konfrontiert wurde. So wollte vor einigen Wochen eine städtische Angestellte in Frankfurt fortan nur noch im Niqab zur Arbeit erscheinen. Dass man ihr das nicht erlauben konnte, wusste die Stadt, aber nicht wie sie das begründen sollte. Schließlich will man nicht als intolerant erscheinen. Dabei ist das überflüssig. Die Stadt Frankfurt hätte selbstbewusst darauf hinweisen können, dass Niqab und Burka keine islamischen Kleidungsvorschriften sind und sie daher auch keine religiöse Toleranz der Stadt Frankfurt erwarten kann.
Gleichzeitig muss sich die Gesellschaft in Deutschland nicht davor fürchten, wenn muslimische Interessenverbände Forderungen stellen. Niemand ist pikiert, wenn eine Zeugin Jehovas sich vom Sexualkunde-Unterricht freistellen lassen möchte, warum also immer das Misstrauen gegen Muslime?
Wenn Katholiken und Evangelen Religionsunterricht in der Schule haben können, was ist dann verwerflich an islamischem Religionsunterricht? Kein Schweinefleisch zu Mittag in Kindergärten und Schulen? Warum nicht mehrere Gerichte zur Auswahl anbieten? Es soll auch deutsche Kinder geben, die kein Schweinefleisch mögen. Und was hätte die deutsche Gesellschaft davon, wenn sie muslimische Kinder zum Verzehr von Schweinefleisch zwingt?
Nach Geschlechtern getrennter Sportunterricht? Sicher nicht. Muslimische Mädchen können auch mit Kopftuch an Sport- und Schwimmunterricht teilnehmen und wenn ein muslimischer Junge unverschleierte Mädchen beim Sport nicht ansehen kann, dann kann er sie auch nicht in der U-Bahn oder im Bus sehen und ist in Deutschland definitiv fehl am Platz.
Ein spezieller Gebetsraum für Muslime an Schulen? Wenn die Schule den Platz hat, warum nicht, aber generell kann man die Forderung zurückweisen. Der Koran sagt, dass man verpasste Gebete später nachholen kann. Niemandes Seelenheil ist in Gefahr, wenn man die Forderung ablehnt.  

Von daher muss man Monika Morans Debattenbeitrag in Spiegel Online vom 18. 03. entgegnen, dass sie das Ende vor dem Anfang gedacht hat.
Ehe man verlangen kann, dass die deutsche Gesellschaft (bzw. deren Repräsentanten) sich nicht mehr mit dem Islam auseinandersetzen müssen, sollte ein vorurteilsfreier Dialog zwischen Gesellschaft und Muslimen geführt worden sein.
Erst wenn die deutsche Gesellschaft und die Muslime in Deutschland ihr Verhältnis zueinander geklärt haben, kann man verlangen, dass der Islam Anders- und Nichtgläubige nicht mehr mit seinen Glaubensregeln behelligt.

Freitag, 1. April 2011

Empört euch!

Angesichts dessen, dass “Wutbürger“ zum Wort des Jahres gewählt wurde, erscheint eine Streitschrift mit dem Titel “Empört euch!“ überflüssig.
Auch in Frankreich, wo der dünne Aufsatz zuerst erschien, fehlte es zuletzt nicht an Empörung. Hunderttausende demonstrierten gegen eine Rentenreform, an den Tankstellen drohte Benzin knapp zu werden, weil Raffinerien bestreikt wurden.
Gegen die Sparmaßnahmen in Griechenland wurde ein Generalstreik ausgerufen, während in England, ebenfalls wegen Sparmaßnahmen, die größten Proteste seit der Thatcher-Ära im Gange sind.
An Empörung fehlt es in Europa also nicht. Warum ruft Stéphane Hessel, 93 Jahre alt und auf der allerletzten Etappe seines Lebens, genau dazu auf?

Stéphane Hessels Streitschrift ist deshalb nicht überflüssig, weil der Wutbürger dieser Tage am Ende der Entwicklung steht. Der Bahnhof in Stuttgart, gegen den sich die Deutschen so empörten, wird wohl gebaut werden. Das Projekt ist politisch abgesegnet, die Bauaufträge sind zum Teil vergeben und das alte Bahnhofsgebäude ist zur Hälfte schon abgerissen.
Die Sparpläne in Griechenland und England sind bereits beschlossen, müssen nur noch die jeweiligen Parlamente passieren, in denen die Regierungsmehrheit vorhanden ist. Der Widerstand kommt zu spät.
Wenn Hessel die Menschen also auffordert sich zu empören, dann meint er eine grundsätzliche Empörung. Nicht der Bau eines Bahnhofes ist der Skandal, sondern der Ausschluss der Öffentlichkeit bei der Planung von Großprojekten. Nicht die Sparmaßnahmen an sich sind das Problem, sondern eine Politik, nach der Sozialausgaben in erster Linie eine Haushaltsbelastung darstellen.
Stéphane Hessel fordert eine Empörung über den Kurs, den die Industrienationen eingeschlagen haben, über die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich, warnt vor zunehmender Gleichgültigkeit, die der natürliche Feind der Demokratie und der Verbündete von Extremismus ist.

In Deutschland geboren, aber früh Wahlfranzose geworden, hatte sich Stéphane Hessel im 2. Weltkrieg der Résistance angeschlossen. Sein Widerstand gegen den Nationalsozialismus führte ihn nacheinander in zwei Konzentrationslager, die er mit Mut und Glück überlebte.
Nach dem Krieg arbeitete er mit an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Wie viele seiner Generation wollte er, dass die Menschheit nach dem 2. Weltkrieg eine andere sein sollte als zuvor, friedlicher, gerechter, brüderlicher. Für Stéphane Hessel sind das die Ideale der Résistance. Dass diese Ideale noch immer nicht verwirklicht sind, entmutigt ihn nicht.
Die Erklärung der Menschenrechte zeigt Wirkung, langsam aber unaufhaltsam. Die Welt hat sich verändert seit 1945. Die Apartheid ist überwunden, die Kolonialreiche sind verschwunden, der Rassismus ist im Niedergang begriffen und der Schutz der Natur ist ein allgemeines Anliegen.
All diese Veränderungen haben ihren Ursprung darin, dass Menschen sich empört haben.
Ullstein Verlag. 32 Seiten. 3,99 €. Empört euch! bei Amazon. 


Mittwoch, 23. März 2011

Von Warnern und Bedenkenträgern


Warner haben’s schwer. Der Priester Laokoon warnte seine Landsleute vor dem Trojanischen Pferd und wurde deshalb von Seeschlangen verschlungen. Zudem wurde seine Warnung in den Wind geschlagen.
Vielleicht wollten die Griechen mit dieser Geschichte gar nicht die Warner warnen, sondern zum Ausdruck bringen, dass Warner nerven, auch wenn sie Recht haben. Es sind schließlich Besserwisser, die in Krisenzeiten ihre Warnungen unter das Volk streuen, altkluge Rechthaber, die sich jetzt in Talkshows breit gemacht haben – außer Reichweite von Seeschlangen.

Dass er nicht mehr von Seeschlangen gefressen wird, ist nicht das einzige, das sich am Warner verändert hat. Immer seltener warnt er vor Konkretem, bleibt nebulös.
Man kann sagen, er äußert inzwischen vor allem Bedenken, weswegen inzwischen die Bezeichnung „Bedenkenträger“ im Umlauf ist. Es ist ein Versuch die Warner zu diffamieren und damit mundtot zu machen, allerdings haben sich letztlich Seeschlangen als effektiver erwiesen.

Zuletzt haben die modernen Bedenkenträger Konjunktur gehabt und sich mit Hingabe der Unruhen in der arabischen Welt angenommen.
Vor dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali fürchtete man eine Flüchtlingswelle, die af Europa zurollen würde.
Als in Ägypten der greise Hosni Mubarak zu taumeln begann, gab man wahlweise die Sicherheit Israels zu bedenken, das Erstarken von Islamisten oder die Möglichkeit einer Militärdiktatur oder alles zugleich.
Die Unruhen in Jemen gaben Anlass zur Sorge, Al Quaida könne dort eine Operationsbasis aufbauen, der ganze jemenitische Staat könne auseinander fallen.

Keines dieser möglichen Zukunftsszenarien entbehrt einer Grundlage. Es stellt sich nur die Frage inwieweit diese Bedenken bedenkenswert sind. Was nutzt eine Warnung, wenn man keine Möglichkeit hat sie zu beherzigen?
Wie sollte Deutschland einer möglichen islamistischen Gefahr in Ägypten begegnen, Hosni Mubarak Polizisten nach Kairo schicken, die den Tahirplatz von Demonstranten räumen? Sollte sich die Europäische Union aus Rücksicht auf Israel an einen 82jährigen klammern, der zwar einen Friedensvertrag mit Israel hat, aber im Land Antisemitismus fördert, wenn es ihm opportun erschien? Sollte man eine Demokratiebewegung unterdrücken, weil vielleicht die Militärs die Macht im Land übernehmen könnten und stattdessen einen Tyrannen an der Macht halten, der sein Volk um geschätzte 10 Milliarden Dollar erleichtert hat?
Soll der Westen einen jemenitischen Staatschef stützen, der seit 32 Jahren regiert, dessen Staat ohnehin vor dem Kollaps steht? Soll der Westen für Forderungen nach Freiheit und Menschenwürde ein taubes Ohr haben, zugunsten der Stabilität in einem Land das instabil ist und in dem angebliche Stabilität nur mit einem jahrzehntelangen Ausnahmezustand garantiert werden kann?

Nein, so weit will natürlich niemand gehen (außer Frankreichs Außenministerin Alloit-Marie, die damit geliebäugelt hatte Tunesiens Ben Ali französische Polizisten anzudienen), auch die Bedenkenträger nicht. Selbstverständlich sollen, dürfen, müssen die Tunesier, die Ägypter, die Jemeniten, Libyer, Syrer und Algerier ihren eigenen Weg in die Zukunft suchen, aber man wird ja noch mal warnen dürfen.

Sonntag, 20. März 2011

Innen hohl

Bild: Dirk Vorderstraße
Seine bislang stärkste Rede hielt Guido Westerwelle im Juni 2007 auf einem Parteitag der FDP. Dort erklärte er die Partei – oder sich. Das war ja lange eins – zur Freiheitsstatue der Republik.
Seinen bislang stärksten Auftritt als Außenminister hatte Guido Westerwelle Anfang März, als er sehr früh und unmissverständlich erklärte, dass Ghaddafi verschwinden müsse. Der Diktator habe jegliche Legitimation verloren und sei untragbar geworden.
Mit diesen Aussagen des Außenministers setzte sich Deutschland an die Spitze der Europäischen Union, die im Umgang mit Libyens Diktator keine gute Figur zu machen drohte und setzte erste Sanktionen gegen das Regime durch. Beseelt vom freundlichen Empfang in Tunis, getragen von der Begeisterung mit der der deutsche Außenminister auf dem Tahirplatz in Kairo begrüßt wurde, stilisierte sich Guido Westerwelle zur Freiheitsstatue der arabischen Demokratiebewegung.

Die bittere Wahrheit ist, dass die Freiheitsstatue innen hohl ist und hohl sind auch Guido Westerwelles Versprechungen. Libyen entwickelte sich anders als Tunis oder Ägypten, die Rebellion geriet in die Defensive, aber Westerwelle hatte nicht mehr zu bieten als warme Worte – oder heiße Luft. Ghaddafi muss weg, aber zum Sturz beitragen wollte Deutschland nur mit Sanktionen, die den sanktionserprobten Diktator nicht schrecken konnten, die nicht durchzusetzen wären und die Monate brauchten, um zu wirken.

Außenminister Westerwelle hat als erster Staatsmann stellvertretend für Deutschland am lautesten getönt, als er das libysche Regime für Bankrott erklärte. Er hat damit sehr frühzeitig die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung ausgeschlossen. Hoffnung auf erfolgreiche Diplomatie gab es aber ohnehin keine.
Danach hat er jede andere Option im Umgang mit dem Bürgerkrieg in Libyen verweigert, selbst als die NATO ihre Bereitschaft zur Durchsetzung einer Flugverbotszone signalisierte, als die libysche Opposition sie einforderte und die Arabische Liga ihre Erlaubnis erteilte.

Außenminister Westerwelle hat mit einer derartigen Vehemenz den Sturz des exzentrischen Diktators gefordert, dass man den Eindruck bekommen konnte, er würde sich demnächst persönlich aufmachen und ihn aus seinem Beduinenzelt zerren, aber zur selben Zeit hat er den Pazifismus für sich entdeckt. Von dieser neuen Entdeckung waren Merkel und Westerwelle dann auch gleich so begeistert, dass sie die militärische Option nicht nur für Deutschland ausschlossen, sondern auch für die EU, die NATO und die gesamte Völkergemeinschaft. Wie man so einen Diktator aufhalten soll, der nur noch Stunden vor der Einnahme der letzten verbliebenen Rebellenhochburg steht, haben Westerwelle und Merkel nicht erklärt.

Was bleibt, sind Signale, die Deutschland in die Welt aussendet. Das Abstimmungsverhalten Deutschlands im UN-Sicherheitsrat signalisiert, dass Deutschland beim geringsten Zweifel die wichtigsten Verbündeten im Stich lassen wird. Deutschland hat sich enthalten und damit die USA vor den Kopf gestoßen, aber Deutschland ist auch aus der EU-Linie ausgeschwenkt und hat den Arm unten gelassen, als Frankreich, England und Portugal ihn hoben.
Gerade das Beispiel Portugals zeigt aber wie hohl die Begründung Westerwelles und Merkels für Deutschlands Verhalten ist. Sie wollten sich nicht an einer Militäraktion gegen Libyen beteiligen, angeblich weil sie vom Erfolg nicht überzeugt seien, tatsächlich weil sie fürchteten, dass die Wähler neben Afghanistan einen zweiten Militäreinsatz mit deutscher Beteiligung nicht begrüßen würden. Portugal stimmte für die UN-Resolution, aber am Militäreinsatz wird sich Portugal nicht beteiligen. Deutschland enthielt sich, unterstützt aber den Militäreinsatz logistisch. Das ist so unlogisch wie inkonsequent.
Das zweite Signal ist, dass Deutschland Menschenrechte und Demokratiebewegungen immer unterstützen wird – aus gebührender Entfernung, wenn es garantiert nichts kostet und mit warmen Worten hinter denen nichts steckt als heiße Luft.

Mittwoch, 16. März 2011

Die trägen Deutschen

Was will der neue Innenminister Friedrich damit sagen, wenn er feststellt, dass der Islam historisch nicht zu Deutschland gehört? Die Aussage hat kein Gehalt, denn sie hat keine Relevanz für die ca. vier Millionen Muslime, die jetzt in Deutschland leben und sie ist ein Widerspruch gegen etwas, was nie jemand behauptet hat.
Was soll man mit der Aussage also anfangen? Will Herr Friedrich damit andeuten, dass nur Dinge mit historischem Hintergrund ein Existenzrecht in Deutschland haben? Dann müsste er „historisch“ definieren, denn heute ist Deutschland ein Autoland, aber das Auto gibt es erst seit knapp hundert Jahren, gehört historisch also kaum mehr zu Deutschland als der Islam.

Noch schlimmer wird es, wenn Innenminister Friedrich die muslimischen Mitbürger in Deutschland willkommen heißt, den Islam aber nicht. Die Menschen akzeptieren, die Religion, der sie angehören aber nicht, das funktioniert nur, wenn diese Menschen ihre Religion aufgeben. Heißt Herr Friedrich die Muslime also willkommen mit einem Bier in der einen und einer Bockwurst in der anderen Hand?
Die Aussage ist dumm und ihre Dummheit fußt auf Ignoranz. Die Millionen deutscher Muslime halten vor roten Ampeln, geben ihre Steuererklärungen ab und stehen in Supermärkten geduldig in der Schlange, deshalb sind sie gern gesehen.
Islam bedeutet aber Zwangsehen, Verschleierung, Heiliger Krieg, Terrorismus und Steinigung. So etwas hat selbstverständlich keinen Platz in Deutschland.

Deutschland ist eben ein Land, das sich nur widerstrebend von etablierten Vorstellungen löst. So sind die meisten deutschen Muslime türkischer Herkunft, aber der Gedanke, dass die Nachkommen ehemaliger Gastarbeiter längst Deutsche sind, setzt sich nur quälend langsam durch.
Peinlich, dass der deutsche Nationalspieler Mesut Özil letztes Jahr mit einem Integrationsbambi geehrt wurde. Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, schon sein Vater war noch ein Knabe, als er nach Deutschland kam. In Spanien, bei Real Madrid, wo Mesut Özil jetzt spielt, muss er sich integrieren, nur in Deutschland, da musste er es ganz gewiss nicht.

Seit zehn Jahren, seit den Anschlägen vom 11. September, setzt man sich in Deutschland mit dem Thema Islam auseinander. Vorher war die Sharia ein Begriff, der Islamwissenschaftlern vorbehalten war, sogar Peter Scholl-Latour, der intime Kenner von allem, was von Relevanz für eine Talkshow ist, verwendete ihn nie. Ein halbes Dutzend Spiegel, Focus- und Stern-Sondernummern über den Islam später glaubt jeder zu wissen, was Sharia bedeutet, nämlich Frauen unters Kopftuch zwingen, Dieben die Hand abschlagen, Ehebrecher zu steinigen und Ungläubigen den Kopf abschlagen. Kein Wunder, dass es die vorherrschende Meinung ist, dass Islam und deutsches Grundgesetz miteinander unvereinbar sind.

Es wird wahrscheinlich so lange dauern, bis wir realisiert haben, dass die meisten Türken in Deutschland einen Perso im Portemonnaie haben, ehe es uns auffällt, dass es vier Millionen Muslime in Deutschland gibt, denen es keine Probleme bereitet ihre Religion und das deutsche Grundgesetz miteinander in Einklang zu bringen.